Ein Pass ist mehr als ein Reisedokument. Er ist ein Schlüsselbund. Manche Schlüssel öffnen nur die eigene Haustür, andere öffnen halbe Kontinente. Wer einen zweiten Pass aus Lateinamerika anstrebt, sollte deshalb nicht nur fragen wie schnell bekomme ich ihn, sondern auch wie weit bringt er mich.
Vier Pässe stechen in der Region heraus: Chile, Argentinien, Brasilien und Uruguay. Alle vier sind stark, alle vier öffnen die Tür nach Europa. Doch zwischen ihnen liegt ein feiner, aber entscheidender Unterschied, der über den reinen Zahlen oft übersehen wird.
Das gemeinsame Fundament: Europa steht offen
Beginnen wir mit der guten Nachricht, die für alle vier gilt. Chilenen, Argentinier, Brasilianer und Uruguayer reisen visafrei in den gesamten Schengen-Raum. Die Tür nach Europa steht mit jedem dieser vier Pässe offen.
Alle vier rangieren im Henley Passport Index im soliden oberen Bereich, mit visafreiem oder erleichtertem Zugang zu rund 150 bis über 170 Zielen weltweit. Das ist ein Niveau, von dem viele Pässe dieser Welt nur träumen.
Der entscheidende Unterschied: die USA
Und jetzt der Punkt, der alles verändert und den die meisten Vergleiche unterschlagen. Es gibt ein einziges Land in ganz Lateinamerika, dessen Bürger ohne klassisches Visum in die USA reisen dürfen, über das Visa-Waiver-Programm mit der simplen ESTA-Registrierung. Dieses Land ist Chile.
Das ist ein Alleinstellungsmerkmal von enormem Gewicht. Während Argentinier, Brasilianer und Uruguayer für die USA weiterhin den Weg über ein reguläres Visum gehen, spaziert der Chilene mit ESTA hinein. Für jeden, der geschäftlich oder privat regelmäßig in die Vereinigten Staaten muss, ist der chilenische Pass damit in einer eigenen Liga.
Die vier im Charakter
Chile ist der Spitzenreiter. Stärkster Pass der Region, einziger ESTA-Zugang zu den USA, dazu First-World-Infrastruktur und hohe Rechtssicherheit. Der Preis ist ein längerer, präsenzintensiver Weg dorthin.
Argentinien ist der schnelle Allrounder. Ein sehr starker, schengenoffener Pass, erreichbar über einen der kürzesten Einbürgerungswege der Welt, mit den bekannten Haken bei Präsenz und Steuer.
Brasilien ist der Familienfreund. Ebenfalls starker, schengenoffener Pass, und über das Geburtsortprinzip und den verkürzten Eltern-Weg besonders attraktiv für junge Familien.
Uruguay ist der stabile Gentleman. Solider, schengenoffener Pass, getragen von der ruhigsten, verlässlichsten Demokratie der Region.
Stärke ist nicht alles
Die reine Reisefreiheit ist nur eine von mehreren Dimensionen. Ein etwas schwächerer Pass, der schnell und präsenzarm zu haben ist, kann für den einen wertvoller sein als der stärkste Pass, der Jahre echten Dortseins verlangt. Und über allem steht die Steuerfrage: Drei dieser vier Länder besteuern weltweit, sobald man dort ansässig wird.
Die richtige Wahl entsteht deshalb nie aus der Pass-Tabelle allein, sondern aus der Verbindung von Reisefreiheit, Weg, Präsenz und Steuer.
Carpe Diem
